Vor ungefähr fünf Jahren bekam ich dieses Fahrrad geschenkt, zusammen mit vier weiteren Rädern aus derselben Epoche der deutschen Fahrradindustrie. Ein Tiefeinsteiger mit 26-Zoll-Bereifung und einer Fichtel-&-Sachs-Eingang-Nabe mit Rücktrittbremse. Das Tretlager ist zum Glück ein modernes Vierkantlager. Trotz der langen Standzeit von vermutlich über dreißig Jahren ließen sich alle Schrauben und Lager lösen.
Bei der Kurbelbefestigung hatte ich eine kleine Lernkurve zu meistern. Zuerst vermutete ich, ich könnte den Keil der Kurbelbefestigung einfach mit einem Hammer ausschlagen. Das führte aber nur zu einer demolierten Schraube und zu keinem brauchbaren Ergebnis.
Passendes Wekzeug
Nach etwas ausführlicherer Recherche bin ich dann auf der Seite Bikesmith Design gelandet. Dort verkauft Mark Stonich aus Minneapolis eine Crank Cotter Press, eine Keilpresse für Tretkurbeln. Ein perfektes Werkzeug, um diese verflixten Keile aus ihrer Misere zu befreien und sie nach der Überholung des Tretlagers wieder schonend an ihren Platz zu bringen. Ich hatte zudem eine sehr nette Unterhaltung per E-Mail mit ihm, in der er mir einige Links zur Wartung und Technik von Sturmey-Archer-Naben gab.
Den Dynamo habe ich mit etwas WD-40 wieder zum Laufen gebracht, und das Frontlicht leuchtet erneut. Leider fehlte die Glasabdeckung für das Rücklicht. Danach suche ich noch; bis dahin reichen das Katzenauge und ein modernes Steck-Licht für die Nachtfahrten.

Die Details
Bei eBay konnte ich noch ein Emblem für das vordere Schutzblech ergattern und für das hintere ein passendes schwarzes Rocknetz. Nach meinem Simonato ist das nun der zweite Trapezrahmen in meiner Sammlung. Die Liebe zum Detail steht hier dem kleinen Italiener in nichts nach, und das bei einem Rad, das fast vierzig Jahre älter ist. Überall von Hand liniert, Schnellspanner für den werkzeuglosen Ausbau der Laufräder, Kettenschutz und Schutzbleche mit Firmennamen: einfach schön gemacht für ein Fahrrad von 1947. Nicht zu vergessen die geschmiedeten Ausfaller die auch noch den Einbau einer Kettenschaltung erlauben würden.

Bismarck und Co.
Der Firmenname Bismarck führt nach Radevormwald im Bergischen Land. Dort gründeten die Kaufleute Gottlieb Frowein und Carl Richard Holbeck im Jahr 1896 die Fahrradwerke Bismarck; den Namen soll Altreichskanzler Otto von Bismarck persönlich genehmigt haben. Schon im April 1897 verließ das erste Rad das Werk in Bergerhof. Neben Fahrrädern baute Bismarck später auch Mopeds, Motorräder und Nähmaschinen, ehe das Werk 1957 schließen musste. Übrigens liefen die Räder nicht nur als Bismarck vom Band, sondern für den Export auch als Skandia und für den bayerischen Markt als Siegfried.
Bleibt die Frage, woher das Baujahr 1947 so genau stammt. Es steht auf der Nabe, und diesem Stempel darf man vertrauen. Die Torpedo-Freilaufnabe mit Rücktrittbremse baute Fichtel & Sachs aus Schweinfurt seit 1903; sie war jahrzehntelang die Standard-Eingang-Nabe am deutschen Alltagsrad. Zwischen 1920 und 1957 prägte das Werk die Jahreszahl im Klartext auf die Nabenhülse, gleich neben den geflügelten Sachs-Adler. Der Buchstabe daneben verrät nicht etwa das Jahr, sondern die Materialcharge der Hülse. Eine „47″ steht also tatsächlich für 1947 und passt damit bestens zu einem frühen Nachkriegsrad von Bismarck.
Jetzt sind alle Lager geschmiert und eingestellt, der Flugrost ist beseitigt und der Antrieb im Ultraschallbad gereinigt, bereit für die kommenden sechzig Jahre Fahrspaß. Auch mit nur einem Gang ist das Rad absolut alltagstauglich, jedenfalls in einer flachen Stadt am Meer.
















