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Allgemein Bianchi Rennrad

Bianchi Sprint ca. 1979 Celeste

Gregors Bianchi ist mir durch Zufall in die Werkstatt gekommen. Über drei Ecken meldete sich Gregor bei mir, er hatte dieses Rad in Italien auf Ebay erstanden und fragte mich als „Newbee“ ob ich ihm beim Herrichten behilflich sein möchte. Als Gregor bei mir in der Werkstatt mit dem Fahrrad unter dem einem und einem Sixpack Flens unter dem anderem Arm auftauchte musste ich erst einmal tief durchatmen.

Die Steuersatzschalen waren gerissen, oben und unten, die Gabel, verchromt nicht mehr original, das deutete auf einen Unfall hin. Gummies auf den Bremsgriffen Fehlanzeige, Schaltung vorne Campagnolo Nuovo Valentino, hinten Simplex Prestige 537 mit viel Plastik, Mike Sweatman schreibt auf seiner Seite www.disraeligears.co.uk dazu:

„Schon ein Blick auf eine Simplex Prestige genügt, um mich mit einem erdrückenden Gefühl der Verzweiflung zu erfüllen. Ich kann fast hören, wie die Kette hysterisch an den ungenau geschnittenen Zähnen des Maillard-Freilaufs mit breiter Übersetzung klappert, während die Schaltung versucht, den untersten Gang zu finden. Ich kann den verwirrten Gesichtsausdruck des Besitzers dieses Rennrades sehen, der einen Grund zu finden versucht, warum eine scheinbar rationale Firma wie Bianchi seine relativ anspruchsvolle Rennmaschine mit einer so schlecht konstruierten Kettenschaltung mit Parallelogrammplatten aus Kunststoff ausstattet.

Die Prestige war relativ schwer, unzuverlässig und schaltete besonders schlecht. Selbst Edith Piaf hätte es bedauert.“

Da auch die Schalthebel von Campa stammen, gab ich Gregor den Rat, nach einer Nuovo Valentino Extra für die hinteren Ritzel zu suchen. Und wie das immer so ist, wurde just in diesem Moment etwas passendes auf den Kleinanzeigen angeboten. Also hat das Rad nun eine komplette Valentino von Campa bekommen. Eigentlich eine fiese, schwere Schaltung aus Stahl, und es wird kolportiert, das Tullio seine Sohn wenig geschätz haben muss wenn er eine so miese Schaltung nach ihm benannt hat. Diese Schaltung ist der misglückte Versuch von Campagnolo in den 70er Jahren den Massenmarkt zu erobern und den technisch überlegenen und weitaus günstigeren Modellen von Shimano und Sun Tour etwas engegen zu setzen.
Ich bin persönlich kein Campa-Devotee und bemühe mich immer um eine unvoreingenommene Beurteilung von Komponenten. Und um das Konzept dieses Rades zu verstehen muss man wissen, das Bianchi am Ende der 70er Jahre in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckte und 1979 von Piacchio übernommen wurde. Das Bianchi „Sprint“ war ein Versuch, mit einem ohne Schnickschnack konstruierten Rahmen aus günstigen Stahlrohren und den Komponenten europäischer Zulieferer ein konkurrenzfähiges Fahrrad zu konzipieren, das den OEM-Kaufhausrädern und den technisch überlegenen Japanern Paroli bieten konnte.
Ob das gelungen ist mag dahin gestellt bleiben, aber Gregor folgte meinem Rat, nichts zu verändern, außer die Valentino hinten gegen die Simplex zu tauschen und neue Reifen aufzukleben (auch für einen Rookie keine schwierige Aufgabe, wie sich für ihn herausstellte). Für die Universal Bremshebel fand sich adäquater Ersatz mit Gummies und auch einen passenden Campa Steuersatz konnte Gregor beschaffen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und eine Probefahrt bestärkte mich mal wieder in der Gewissheit, dass ein solide restauriertes Rad, das von der Rahmenhöhe passt auch als Low-Budget gut zu fahren ist. Das i-Tüpfelchen ist die von Gregor neu polierte Sattelstütze mit dem darauf tronenden NOS Selle Italia Sprint aus den 70er Jahren im Wildleder-Finish (ich dachte einen kurzen Augenblick darüber nach ihm das Ding abzuschwatzen;-), traumhaft und fast zu schade um „wirklich“ gefahren zu werden. Auch die Valentino ist über jeden Zweifel erhaben und harmoniert perfekt mit dem 6-Gang Regina-Ritzel so lange man ihr nicht zuviel abverlangt und ihr weniger als 28 Zähne für die Übersetzung zumutet. Für den Rest gilt die Weissheit von Eddy Merckx: „its all in your legs“ und ich freue mich schon diebisch wenn Gregor auf freier Strecke den ersten frisierten Yoghurtbecher aus Carbon in seinem Windschatten verhungern lässt.