Manchmal steht Geschichte einfach so in der Werkstatt herum. Bei meinem Patria war es genau das: ein unscheinbares deutsches Alltagsrad, dem man auf den ersten Blick nicht ansieht, dass hinter seinem Namen über 120 Jahre Fahrradbau stecken — geschenkt und fast vergessen.
In Solingen, der Stadt, die für Messer und Klingen berühmt ist, baute die Waffenfabrik Weyersberg, Kirschbaum & Cie., die zuvor Bajonette fertigte, ab Mitte der 1890er Jahre Fahrradteile und stellte 1898 ihr erstes komplettes Rad unter dem Namen Patria auf die Räder. In den besten Jahren verließen rund 100.000 Räder pro Jahr die Werkshallen — Patria gehörte damit zu den zehn größten Fahrradfabriken Deutschlands. 1953 war damit Schluss, die Marke hätte hier ihr stilles Ende finden können.
Doch sie fand einen zweiten Anfang. In den Siebzigerjahren übernahm das Bielefelder Familienunternehmen Ernst Kleinebenne die Marke und führt sie bis heute weiter — inzwischen als einer der letzten Hersteller, der in Deutschland Maßrahmen aus hochwertigem Stahl baut. Aus einer alten Solinger Klingenschmiede wurde so ein Name, der für echtes „Made in Germany“ und maßgeschneiderte Ergonomie steht. Und genau diese Doppelgeschichte macht mein Fundstück für mich so reizvoll.
Ist das cool oder kann das weg?
Ich habe ja immer einen großen Bogen um die ollen Möhren gemacht, mit denen wir uns als Kinder herumquälen mussten. Es hat eine Weile und eine ganze Menge Edelrenner gedauert, bis ich mich an ein 20 Kilo schweres Ungetüm mit Federsattel und Fernlichtschalter am Frontlicht gewagt habe.
Zu meinem Erstaunen war weder die Sattelstütze noch der Vorbau in über 70 Jahren eine rostige Hochzeit mit der Rahmeninnenwand eingegangen. Nur mit den Pedalkeilen hatte ich am Anfang so meine Schwierigkeiten. Ich hatte immer gehört, dass man einen Hammer braucht und nur beherzt draufschlagen muss, um die Keile von der Tretlagerachse zu lösen. Nachdem ich die erste Schraube krumm geschlagen hatte, dämmerte es mir, doch einmal im Netz nach einer besseren Lösung zu suchen. Nach kurzer Recherche fand ich Mark Stonich in Minneapolis, Minnesota, USA, der mir eine Crank Cotter Press, eine Keilpresse für Tretkurbeln, verkaufte. Ein perfektes Werkzeug, um diese verflixten Keile aus ihrer Aufnahme zu befreien und sie nach der Überholung des Tretlagers zerstörungsfrei wieder an ihren Platz zu bringen.
Das Tretlager war zum Glück für mich schon eine alte, aber modernere Vierkantversion, die sich ohne Probleme demontieren, säubern und neu schmieren ließ. Steuersatz, Rohre, Laufräder, alles top, mit wenig Rost. Die Reifen waren natürlich kaputt, die Blockpedale ließen sich abschrauben, waren aber auch zu nichts mehr zu gebrauchen. Zum Glück hatte ich noch etwas Passendes in einer meiner vielen Ersatzteilkisten. Der Rahmen erinnert in seiner Mache eher an ein Vorkriegsrad. Auf der Nabe vom Hinterrad steht „52″ eingestanzt, was eindeutig darauf hindeutet, dass dieses Teil die Werkshallen von Fichtel & Sachs 1952 verlassen hat.
Bei genauem Hinsehen fiel mir auf, dass die Felgen hinten und vorne nicht gleich sind und die Einbaubreite des Rahmens nicht zur Breite der Dreigangnabe passt. Ich vermute, dass das Rad doch älteren Baujahres ist als die Nabe und dass der Dreigang samt nicht ganz passendem Hinterrad nachgerüstet wurde.

Optimistisch, wie ich nun einmal bin, machte ich mich als Nächstes an die Demontage der Dreigangnabe — unter Anleitung eines PDFs der alten Fichtel-&-Sachs-Einbau- und Reparaturanweisung 167.80 und mit den Spezialwerkzeugen 0524 001 200 (Schlüssel zur Torpedo-3-Gang-Nabe) und 0356 014 000 (Sicherungsmutternschlüssel). Leider konnte ich keine Montagevorrichtung für die Lagerschale (0582 101 000) im Netz finden. Dadurch gelang mir nur die teilweise Dekonstruktion. Es reichte aber aus, um alles auf Sicht zu prüfen und mit ordentlich Getriebeöl zu schmieren. Das sollte für die nächsten Jahre eigentlich einen ordentlichen Betrieb gewährleisten. Alles ließ sich am Ende wieder zusammensetzen, und die Schaltung funktioniert bisher ohne Probleme. Bei Gelegenheit wird aber ein neuer Schaltzug fällig.

Wer technische Hilfe mit diesen kleinen mechanischen Wunderwerken braucht, dem sei dieser Knabe hier in 29499 Zernien empfohlen: Jens Hansen, Betreiber der Seite scheunenfun.de, verfügt über jede Menge Expertise, Videos, Ersatzteile und Werkzeug, um alte Stahlrösser wieder auf die Straße zu bringen. Auch seine Webseite hat den echten Scharm aus den alten Zeiten, lasst euch nicht abschrecken und nutzt auf keinen Fall ein Telefon um die Seite anzusteuern.
Ich habe das Patria nach der Überholung nun ausgiebig im Stadtverkehr getestet und bin erstaunt, wie schnell die Kiste ins Rollen kommt, wenn man die gesamte Masse erst einmal in Bewegung gesetzt hat (am besten tritt man an der Ampel im Stehen an ;-).
Als Nächstes plane ich mit der Kiste einen echten Overnighter mit allem Drum und Dran auf Gravel, um den ganzen MAMILs mal zu zeigen, wo der Hammer hängt. Am Ende ist das mein bisher coolstes Rad geworden: robust, irre schnell im dritten Gang und richtig bequem zu fahren.











