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Centurion Rennrad

Centurion 571 Ali Drive, 1993

Diesen Rahmen habe ich von Matthias geschenkt bekommen. Zeitfahrmaschinen mit 26er Laufrädern sind mittlerweile schwer aus der Mode gekommen und eigentlich nur noch Teilespender.
Entwickelt wurde dieser Rahmen mit seiner steilen Geometrie Anfang der 90er Jahre. Marc Allen hatte endlich seine Dämonen überwunden und den legendären Dave Scott beim Iron Man auf Hawaii auf dem Ali‘i Drive besiegt. Aber das ist eigentlich eine andere intersessante Geschichte.

Ich hatte mich schon damals über diese seltsame Mode mit den 26ern gewundert und fahre noch ein frühes 28er Triathlonrad, das Centurion Expert von 1987, für das damals in den 80ern Dave Scott höchstselbst die Werbetrommel rührte. Dieses Rad war die günstigere Version des 1986 vorgestellten Iron Man Master, mit Unicrown Gabel und der billigeren 105 von Shimano. Es unterschied sich eigentlich nur durch den Luftpumpenhalter von einem „gewöhnlichen“ Rennrad, unabdingbar für das Zeitfahren ohne Teamwagen und Windschatten über 180 Kilometer.

centurion ironman ad 1987

Ich fahre diesen Rahmen bis heute gerne mit einer mausgrauen Lackierung, und gepimpt mit einer Suntour Superbe Pro ist es eines meiner Lieblingsräder. Ein ziemlich schnörkelloser Rahmen aus Tange Champion Nr. 1, der tut was er soll: schnell von A nach B ballern. Ich habe ihm noch eine verchrohmte Ein-Zoll Ahead Gabel aus Tange Prestige Rohren spendiert; totschick.

Centurion Expert Custom

Aber nun zurück zum 571 Ali Drive (ja, 1993 im Katalog nur mit einem „i“ geschrieben ;-).
Als Wolfgang Renner in Magstadt 1991 von Western States Import WSI) den Markennamen „Centurion“ übernommen hatte und von einer Vertriebsgesellschaft zum Fahrradproduzenten mutierte, begann er, eigene Räder für den Fahrradmarkt zu entwickeln. Das hatte er mit einigen Mountainbikes und dem Trekking-Klassiker Accordo zwar schon zaghaft in den späten 80ern unter dem Schirm von WSI erprobt, aber nun wurde es Ernst. Der Katalog von 1993 ist ein kleines Feuerwerk an Innovationen die von dieser Zeit an wohl auch in Taiwan geschweißt wurden. Die schönen Japaner aus dem amerikanischen WSI Centurion-Vertrieb waren nun Geschichte. Muffen gab es keine mehr, Titan kam als neuer Werkstoff im Rahmenbau zum Stahl hinzu. Für den super-duper Mountainbike-Titanrahmen gab es allerdings nur die Zusammenstellung und Montage im Fachhandel, kein komplettes Rad aus dem Katalog. Lackiert wurde zeitgemäß einfarbig in knalligen Farben mit Pulver.
Die Lackierung trug den geschmeidigen Namen „Futura“ , feinstes Marketing-Sprech, aber immerhin mit zehn Jahren Garantie.
Auffällig ist die krasse Geometrie mit der gebogenen Sattelstrebe und dem steilen Sitzrohrwinkel, der das Tretlager bis fast unter den Sattel bringt. Damals gab es nur zwei Möglichkeiten für so einen kurzen Radstand. Entweder teilt man das Sitzrohr, so wie es zum Beispiel bei Puch oder Mécacycle in den 80ern parktiziert wurde oder man verkleinert die Laufräder auf 26 Zoll. Renner entschied sich zusammen mit seinem Designer Jürgen Falke für letzteres, und nicht nur die beiden entschieden sich damals für eine solche Lösung. 26er Zeitfahrmaschinen wurden „en Vogue“ in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts und waren bald überall im Handel zu finden. Falke, selber übrigens erfolgreicher Triathlet, arbeitet noch heute an der Entwicklung von Rennrädern und Zeitfahrmaschinen bei Merida, einer weiteren Firma aus dem Renner-Fahrrad-Kosmos in Magstadt. Heute steht ihm mit Carbon ein Werkstoff zur Verfügung, der solch radikale Geometrien auch mit 28er Laufrädern möglich macht.

Als Lackierung gab es ursprünglich ein schönes Kanarienvogelgelb. Schwarz, Blau und Silber für die spätere Aluminiumvariante dieses Rahmens folgten. Ausgestattet war die erste Version mit Shimano Ultegra, einer Sattelstütze und Vorbau von Procraft (auch im Vertrieb von Centurion) und einem radikalen Syntace-Bügel mit Gripshift-Schaltung. Der Getränkehalter war hinterm Sattel angeschraubt und bot Platz für zwei Flaschen, bitter nötig auf der 180 Kilometer langen Strecke über die wüsten Lavafelder von Hawaii ohne Teamwagen und Windschatten.

Mein Neuaufbau ist eher als erratische Stadtschlampe konzipiert. Den hässlichen, für den Alltag völlig untauglichen Zeitfahrbügel mit Armauflagen habe ich gegen einen ordentlichen Rennbügel ersetzt. Um weiter Gewicht einzusparen ziert die Spitze der Sattelstütze ein 135 Gramm leichter Selle Italia SLR, der noch radikaler daher kommt als der originale Flight aber arschbequem zu fahren ist.
Der Getränkehalter wanderte wieder auf das Unterrohr. Die beiden Laufräder habe ich über die Kleinanzeigen aus einem Kieler Keller geborgen und natürlich ist eine passenden Ultegra Tricolor mit Bremsschalthebeln verbaut. Das Bike wiegt keine zehn Kilo und ist mit der krassen Geometrie genau das richtige um Falschparkern und pennenden Fußgängern mit Kopfhörern im urbanen Straßenkampf auszuweichen. Für mich, mit einer Rahmenhöhe von 56 cm etwas zu klein, um ein Lieblingsveloziped zu werden, aber man kann eben nicht alles haben im Leben.